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  • Autorenbildmadamedamm

Thank you very f***ing much

Aktualisiert: 11. Feb.

Ich sammele Karten mit Leidenschaft. Postkarten, Klappkarten, Glückwunschkarten, Weihnachtskarten, Kinderkarten, Retrokarten, Karten mit wahren Worten und Karten mit lustigen Sprüchen, illustrierte Karten, handbemalte Karten, Karten, die im Siebdruckverfahren hergestellt wurden, Blanko-Karten. Wenn ich eine Karte entdecke, habe ich meist schon im Sinn, wem ich sie schreibe. Nur diese eine Karte, für die wollte mir einfach nie der passende Adressat einfallen.

Postkarte mit Schriftzug "Thank you very f***ing much" auf Schreibtisch
Endlich weiß ich, wer die kriegt! Foto: Anette Göttlicher

Die Karte ist groß. Sie ist laut. Auf türkisfarbenem Untergrund prangen goldglänzend ihre Buchstaben: „THANK YOU VERY F***ING MUCH“. Entschuldige an dieser Stelle das eine Wort. Ich kann es selbst nicht leiden. Aber weglassen kann ich’s auch nicht. Im Gesamtzusammenhang ist es zentral.


Wie ich zu dieser Karte komme, fragst du dich?


Das ist eine gute Frage. Ich hätte sie sicher nicht gekauft, wenn sie mir an einem dieser bunten Postkartenständer begegnet wäre. Mein Mann hat sie mir einmal mitgebracht - von einer seiner Reisen. Mit einem Schwung anderer handverlesener Exemplare. Das ist nicht ungewöhnlich. Er weiß, wie sehr ich Buchstaben, Schrift und Farbe liebe, dass er mir mit Karten immer eine Freude macht. Mit der Gelegenheit, zu sammeln und zu schreiben.


Über diese eine hier freute er sich selbst dann sehr!


Also stopfte ich sie in meine Karten-Sammelbox, zog sie aber immer wieder hervor, drehte und wendete sie in meinen Händen, befühlte ihre güldenen Lettern und fragte mich schmunzelnd: Wem schick' ich die? Und wann? Oder vielmehr: Warum? Kann es für sie überhaupt den passenden Anlass geben? Wenn du jetzt meinen Mann fragst… Für den hätte es in den vergangenen Jahren viele passende Momente gegeben. Er hätte sie längst verschickt. Ich hielt ihn davon ab. Es hätte – noch in jedem Fall! – zur Antwort Ärger gegeben.


Als ich neulich auf der Suche war nach Weihnachtskarten, musste ich lachen als mich das „Thank you very f***ing much“ besonders herzlich aus den Tiefen meiner Kiste anfunkelte. In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen:


Das ist unsere Karte!


Die Karte, die zu nichts und niemandem so gut passt wie zu uns und unserem Jahr! Wir schreiben sie uns einfach selbst! Weil… 2023!? Was war das denn bitte? Große Katastrophen und kleine Katastrophen haben sich bei uns nicht aneinandergereiht, nein. Die haben sich übers Jahr schön bei uns gestapelt.


Wenn du mich hier schon länger hörst, weißt du, dass das Jahr für mich im Krankenhaus begann. Mit irrsinniger Angst und einer geplanten OP, die – aus Gründen - wieder abgesagt wurde, als ich längst auf Station lag - so bereit wie die Kompressionsstrümpfe auf dem Nachttisch neben mir. Mit Entlassung aus der Klinik folgten Einschnitte und Verluste, von denen ich hier gar nicht erst erzählen mag. Dass wir unseren von langer Hand geplanten Familienurlaub absagen mussten, unser erstmals alleinreisendes Kind in ein Geiseldrama am Hamburger Flughafen geriet und mich meine Literaturagentin just in dem Moment vor die Tür setzte, als endlich wieder eine neue Romanidee in mir reifen konnte, sind da tatsächlich nur die Gags am Rande.


Wenn meine Töchter in ihrer Wut gerade oft sagen: „Danke für nichts!“, dann will ich das im ersten Moment unterschreiben. Im zweiten dann aber so gar nicht. Denn am Ende ist ja nochmal alles gut gegangen. Bis hier hin und für den Moment gesprochen zumindest. Rückblickend und gesamtgesehen war dieses Jahr für uns vielleicht sogar ein gutes? Auf jeden Fall sind wir mächtig an ihm gewachsen. Dafür muss ich nicht unbedingt dankbar sein. Ein herzliches THANK YOU VERY F***ING MUCH ist wohl tatsächlich die einzig wahre Antwort auf dieses, unser Jahr. Die große Frage wäre dann jetzt, was auf der Karte fürs nächste steht… Ich hätte da schon eine Idee… Oder vielmehr einen Wunsch. Aber jetzt schreibe ich erstmal meinem Mann.


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