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(M)ein (Alb-)Traum in Rot

Wir probieren sieben Kleider von bodenlang bis vorne maximal kurz, eins schwarz, eins wild gemustert in allen Schattierungen von Schlamm, eins blütenweiß und doch nicht ganz unbefleckt (Wir finden Makeup-Spuren am oberen Rand entlang), und landen schließlich bei einem Traum in leuchtendem Rot aus dehnbarem Stoff, entsprechend eng anliegend, vorne geschlossen, im Rücken dekolletiert.

Rotfarbene Kerze und rotfarbene Blumen auf dem Tisch
Rot ist ja nicht gleich Rot. Oder?

„Ich befürchte, ich komme ins Gefängnis, wenn ich dich so zum Schulball gehen lasse!“

Schulball, damit meine ich den Sommerball, der einst von Schülerinnen der siebten Jahrgangsstufe als Frühlingsball erdacht wurde, aufgrund diverser organisatorischer Schwierigkeiten in den Sommer geschoben werden musste, kurzerhand einen neuen Namen erhielt und nun in Eigenregie von der SMV organisiert wird. Was nicht ganz stimmt, denn unsere Tochter sitzt im Planungs-Komitee und das bedeutet: Mein Mann karrt die Getränke ran und ich koordiniere den Chips-Transport aus dem Hintergrund.


Geladen sind wir zu diesem Ball nicht. Dafür alle Schülerinnen und Schüler von der fünften Klasse an.


Eintritt: 2 Euro. Veranstaltungsort: die Schulaula.


Ob es Musik und Tanz geben wird, keine Ahnung. Auch sonst weiß ich nicht, wie ich mir diese Veranstaltung vorzustellen habe. Aber das macht ja auch nichts. Es wird eine Lehrkraft vor Ort sein und um 20.30 Uhr ist auch schon wieder Schluss. Schließlich ist Unterricht am Folgetag.


Warum also nicht? Ist doch nett, wenn so etwas entsteht, aus einem Schülerinnenwusch heraus. Ob sie nun tanzen oder nicht.


Mein offizieller Beitrag zu diesem Fest (mal abgesehen der Erteilung der Erlaubnis, selbige zu besuchen): die Kleider! Und ich habe Glück: Im Zuge ihres Umzugs sortierte meine Schwester kürzlich ein Kleid aus, das – tadaa! - genau einer unserer Töchter passt. Nur ihre Schwester hatte nichts anzuziehen und auch mein Schrank hielt nichts bereit, das ihren Vorstellungen entsprach. Und so zogen wir los. In eine der wohl berühmtesten Modehausketten, in der vom Sommerkleid bis zur wallenden Abendrobe alles von der Stange für kleines Geld zu haben ist. Auf dem Weg dorthin hielt ich einen langen Vortrag zum Thema Fast Fashion, setzte mich kritisch mit der Textilindustrie auseinander und zitierte dabei immer wieder aus dem Artikel der Süddeutschen Zeitung, den mir kürzlich meine Freundin zugesendet hatte. Ich war gerade beim Punkt „bewusstes Konsumverhalten versus Wegwerf-Mentalität“ angelangt, da standen wir auch schon an der Umkleide an - mit sieben klappernden Bügeln und viel massenproduziertem Stoff über dem Arm, der unsere Sinne berauschte. Und - na klar - das unverschämteste Kleid von allen, das Rote, das passte. Wie angegossen. „Himmel, hilf!“, dachte ich. Und schickte meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Mann ein Bild.


„Meint ihr, ich komme ins Gefängnis, wenn ich ihr das kaufe?“


Ein paar Minuten vergingen. Meine Tochter drehte sich vor dem Spiegel und strahlte.

Dann die erlösende Antwort meiner Mutter: „Deine Schwester ist Anwältin. Die holt dich da wieder raus!“

Meine Schwester: „Sieht toll aus. Lass‘ sie! (Rotes Herz)“

Mein Mann schickt ein Daumen-hoch-Emoji.

Nochmal meine Mutter: „Gut, dass sie noch eine Zahnspange trägt! (Heulendes Lachgesicht).“


Es werden noch viele heulende Lachgesichter folgen, aber da stehen wir schon an der Kasse. 49,- Euro. (M)ein (Alb-)Traum wird wahr.


Es ist und bleibt verrückt für mich: Meine Tochter wächst zur Frau heran. Und ich freue mich, dass sie das tut, denn das ist ja das Ziel, oder? Ich bin stolz, sie auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. Und ahne, dass das ein erstes Mal von vielen gewesen sein wird, in dem ich über meinen Schatten springen muss und mir Fragen stelle wie: „Hatte ich so ein Kleid? Mit dreizehneinhalb?“

Die Antwort ist: Nein! Das hätten mir meine Eltern nicht erlaubt. Oder doch? Ich erinnere mich an einen sehr kurzen Rock – knalleeng und vorn geschlitzt – und an den verzweifelten Blick meiner Mutter, als ich damit morgens um sieben in wippendem Schritt zur Tür hinaus spazierte.


Und während meine Gedanken noch Tage um dieses Kleid und mögliche Argumente dagegen kreisen, ich mich frage, ob ein Kleid aus der Kinderabteilung nicht die passendere Wahl oder sogar meine Pflicht gewesen wäre, ob ich unseren Kauf noch irgendwie wieder zurückdrehen kann, schreibt mir meine Tochter: „Kannst du mir bitte schnell das Foto von meinem Kleid schicken? Ich will’s den anderen zeigen.“

Ich schlucke hörbar. Jetzt werden alle so ein Kleid tragen wollen. Was habe ich getan?! Die anderen Eltern! Aber dann schicke ich das Bild. Stehe zu meiner Entscheidung, wenngleich die auf sehr wackeligen Füßen steht. Wenige Minuten später die Antwort meiner Tochter: „Die anderen haben auch alle solche Kleider! Du wirst nicht allein im Gefängnis sein, Mama! Das wird lustig!“


„Toll, mein Schatz!“, antworte ich, ohne zu zögern. „Dann lerne ich endlich mal die anderen Eltern kennen (Daumen-hoch-Emoji).“


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