• madamedamm

Liebes Winter-Ich.


Ich mag dich nicht. Du bist blass um die Nase und schlurfst fröstelnd durch die Wohnung. Du trägst ein doppeltes Paar Wollsocken und drinnen wie draußen einen Schal. Eine Wärmflasche ist Dein ständiger Begleiter. Und immer fühlst Du im Vorbeigehen am Heizkörper. Ob er auch wirklich wärmt? Du traust ihm nicht.


Genau so wenig schminkst Du Dich. Dabei täte ein wenig Farbe gut in all dem Grau. Du sagst Sachen wie: „Habt Ihr die Mützen? Vergesst die Handschuhe nicht! Ihr müsst einen Schal tragen.“ Vieles in Deinem Leben fühlt sich nach Last an und überhaupt beginnen die meisten Deiner Sätze mit „Ihr müsst“, alternativ mit „Wir müssen…“, allenfalls ergänzt um ein überflüssiges „dringend“.


Weniger ist im Winter mehr


Morgens, wenn Du aus der Dusche trittst, rubbelst Du nur eine klitzekleine Stelle am beschlagenen Badezimmerspiegel frei. Deine blassen Brustwarzen neigen sich müde in Richtung Deines Bauchnabels. Sie machen Dir schlechte Laune. Du beneidest Deine bescheiden-busigeren Freundinnen, deren Brustwarzen noch bis ins hohe Alter wie angenäht an der richtigen Stelle sitzen werden. Deine Schienbeine sind schuppig, Deine Augen gerötet. Alles wegen dieser trockenen Heizungsluft! Grundsätzlich weist Du Schuld zu. Wo Du gehst und stehst, trägst Du Bedenken. Du bist zögerlich, wälzt Entscheidungen hin und wieder her. Dir fehlt der Antrieb. Unzufrieden trittst Du auf der Stelle.


"Das Gemüt trübt sich ein"


Deine Fußsohlen fühlen sich an wie Reibeisen und sind Sinnbild für Deinen Gemütszustand. „Das Gemüt trübt sich ein.“ Der kleine vergilbte Zeitungsschnipsel, der seit Jahren an Deinem Sekretär pappt, erinnert Dich täglich daran. Wenn Du ihn zufällig liest, musst Du lachen. Über Dich. Und Deine trüben Gedanken. Denn eigentlich fehlt Dir gar nichts. Nur der Sommer!


Liebes Winter-Ich, ich darf Dich erinnern: Dank Dir wird der so richtig gut! Du bist da, damit sich Deine Sommer-Schwester rundum gut anfühlt! Wenn sie da wieder sitzt, mit Sand zwischen den Zehen und einem Lachen im Gesicht. Die Bienen werden um sie herum summen und die Blumen für sie blühen. Sie wird sich lieben wie genießen. Alles ein bisschen mehr, weil es Dich vor ihr gab.


Drum will ich Dir danken


Dich kuschelig einpacken. Dir Tee kochen und zuhören. Du gehörst dazu und ich nehm‘ Dich, wie Du bist. Bau Dir einen Kokon, aus dem Du im Frühling wieder frisch erschlüpfst. Wenn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen Dein Herz berühren. Du wieder tanzt und lachst und der Winter Schnee von gestern ist.

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