• madamedamm

Das Zen auf der anderen Seite


Tiger gelb
Liegt in ihrer Ruhe meine Kraft?

Neulich stand ich hinter unserem Schlafzimmervorhang und beobachtete eine ältere Dame im Gemeinschaftsgarten auf dem Nachbargrundstück. Barfuss ging sie durchs nasse Gras, blieb stehen, ging ein paar Schritte rückwärts, stand still, schloss die Augen und verharrte für einen Moment in dieser Position.


Im nächsten hob sie auch schon schwungvoll die Arme, öffnete die Brust, hob ihren Blick in Richtung Himmel und atmete tief ein. Dann bewegte sie sich wieder nach vorn. Achtsam, konzentriert, als würde sie über ein imaginäres Seil balancieren. Ich stand lange am Fenster und sah ihr zu. Durch die sattgrünen Blätter der Kastanien, die die Grenze bilden zwischen unserem Hof und diesem paradiesischen Zen dort drüben auf der anderen Seite. Auch von mir wollte just in diesem Moment zum ersten Mal am Tag keiner – irgend - was. Kein Kind quäkte, kein Kind motzte, kein Kind zerrte. Und das, obwohl alle zuhause waren. Ein seltener Augenblick.


Wenn der Dalai Lama sagt: “Choose to be optimistic. It feels better!“ Dann kann ich sagen: Der hat leicht reden. Dem Wäschekorb in meinen Händen kann ich nämlich wenig bis nichts Positives abgewinnen. Außer vielleicht, dass die Wäsche darin immerhin schon mal gewaschen ist. Wobei ich ja finde, meine Arbeit mit der Wäsche beginnt immer erst, wenn die Waschmaschine fertig ist. Also jetzt.


Aber will ich mal nicht so sein. Ich will mich ja gerne gut fühlen – auch mit einem Wäschekorb in meinen Händen! Das ist nun mal mein Hier und Jetzt. Und wenn ich da jetzt mal ganz Dalai Lama-mäßig rangehe und den Wäschekorb gar nicht erst bewerte, dann fühlt sich dieser Tag vielleicht gleich besser an? Ich könnte jetzt freundlich zu mir sein und den Wäschekorb erstmal beiseite stellen. Oder aber ich könnte es der Dame in Nachbars Garten gleich tun. Ihr Gras ist grüner, aber in ihrer Ruhe liegt vielleicht auch meine Kraft. Elegant und mit geschlossenen Augen blananciere ich meinen Wäschekorb über unseren Flur, setze dabei achtsam einen Fuß vor den anderen. Wenn ich jetzt loslasse, die Arme hebe und tief zur Nase einatme, wird mir die gesammelte Wäsche des Tages mit Schmackes auf die Füße fallen. Aber der Dalai Lama hat schon Recht: Ich habe die Wahl!


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