• madamedamm

Das Chaos, das ich hinterließ

Es gab ein paar Jahre, da rumpelten wir zu unserer Tür herein und traten in das Chaos, das wir morgens hinterlassen hatten. Schuhhaufen im Flur. Dreckwäsche verteilt über den kompletten Fußboden. Das Frühstücksgeschirr gestapelt auf der Küchenzeile.

Prost, Montag!

Im Klo stand stinkend der gesammelte Morgenurin und das Bad sah aus, als hätten sich die Zahnbürsten ein Massaker gegeben in der Zeit, die wir fort gewesen waren. Man konnte das Chaos nicht nur sehen, man konnte es im Treppenhaus schon riechen.

„Schuhe aus, Jacken aus, Hände waschen nicht vergessen! Und dann ab vor die Glotze, ich mach Abendessen!“, rief ich nicht selten. Dann strahlten mich die Kinder an und ich überlegte kurz, ob es das Wort „Glotze“ oder das Wort „Essen“ war, das ihnen solche Freude bereitete.


Der böse Blick der Maschinen


Mit Blick in den Kühlschrank stellte ich regelmäßig fest: Ich war nicht einkaufen gewesen. Sonst leider auch keiner. Die große Frage war also: Womit die hungrigen Mäuler stopfen?

Für gewöhnlich blinkte mich dann noch die Spülmaschine vorwurfsvoll an. Schmaläugig beguckte ich Waschmaschine und Trockner. Angriff hielt ich für die beste Verteidigung. Aber im Gegensatz zu mir hatten auch die beiden ihre Pflicht erfüllt. „00“ bedeutete mir der Trockner, „Fertig“ sagte das Display der Waschmaschine.


Und was ist heute anders?


Drei Maschinen wollten ausgeräumt werden. Die Wohnung war im schlimmstmöglichen aller Chaoszustände. Wir hatten nichts zu essen. Und für die Brotzeit morgen war auch nichts mehr da. Das klingt jetzt so, als gäbe es eine Lösung für all das. Als wäre heute alles anders. Stimmt nicht. Im Prinzip ist heute alles genau so. Nur nehme ich unser Chaos anders wahr.


Ich habe mich a) daran gewöhnt, dass mich Maschinen böse anblinken und kann sie ziemlich gut ignorieren und b) kommen wir nur noch selten gebündelt alle zusammen zur selben Zeit zur Tür herein. Allein schon, weil die Großen ihre Wege mittlerweile alleine gehen.


Entwarnung für den Moment


Außerdem kann ich eins der Kinder auch mal noch schnell zum Bäcker gegenüber schicken, wenn wir abends kein Brot mehr haben. Glücklicherweise gibt’s da auch Butter, Käse und Gurken. Für den Moment gesprochen also: Das Überleben ist gesichert und ja, vieles wird irgendwie leichter, wenn die Kinder größer werden…


Was allerdings den Familienmuff angeht, kann es auch heute keine Schwabinger Familie mit uns aufnehmen. Mittlerweile schieben die Kinder Umweltgründe vor, die sie veranlassen, nur einmal zu spülen am Ende eines geschwisterlichen Toilettengangs. Sie sparen Wasser. Unter diesem Gesichtspunkt bekommt auch der stinkende Morgenurin eine neue Note...

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